Anton Szanya:
Der Traum des Josef
Scheicher; Staatsmodelle in Österreich zwischen 1880 und 1900.
Innsbruck, Wien, Bozen: Studienverlag 2007.
Kurzbeschreibung:
Die gegenwärtige Situation der Europäischen Union und die letzten Jahrzehnte der
Österreichisch-Ungarischen Monarchie weisen bemerkenswerte Ähnlichkeiten auf
Ebenso wie im alten „Kakanien“ lässt sich auch in der EU, um mit Robert Musil zu
sprechen, beobachten, wie „die Staatsmaschine mehrmals im Jahr stockte und
stillstand“. Die Ursachen hierfür lagen damals und liegen auch heute in
ungeklärten Verfassungsfragen und der deswegen immer wieder angezweifelten
Legitimität des Staatsgebildes, in der Bevorzugung nationaler oder staatlicher
Eigeninteressen gegenüber den Anforderungen des Gesamtstaates und der
wechselseitigen Fremdheit und Abneigung der in dem Staatsgebilde
zusammengefassten Nationalitäten und Völker. Das vorliegende Buch stellt
mehrere in den letzten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts entwickelte Staatsmodelle
vergleichend einander gegenüber, die in populärer und auf weite Verbreitung
angelegter Form Wege aufzeigten, wie nach Ansicht der jeweiligen Verfasser die
allgemein empfundene politische Krise der Habsburger-Monarchie überwunden werden
könnte. Bei aller Zeitgebundenheit behandelten diese Denkschriften, politischen
Programme oder literarischen Staatsutopien Problemstellungen, wie sie auch in
der Gegenwart diskutiert werden: Damals wie heute ging und geht es um die Suche
nach einem Machtausgleich zwischen dem Gesamtstaat und seinen Gliedstaaten, um
die Möglichkeiten und Grenzen der repräsentativen Demokratie, um die Förderung
der Mehrsprachigkeit der Bürgerinnen und Bürger, um die Verringerung der Kluft
zwischen Arm und Reich als Folge eines ungezügelten kapitalistischen
Wirtschaftssystems, um Ziele und Adaptierungen des Bildungssystems in einer sich
rasch verändernden Gesellschaft, um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer
multikulturellen Gesellschaft und nicht zuletzt auch um Gewicht und Stellung der
Religion im Staat. Zahlreiche Illustrationen veranschaulichen die behandelten
Zusammenhänge. Vor allem die ausführliche Wiedergabe populärwissenschaftlicher
und politischpropagandistischer Schriften ermöglicht einen guten Blick darauf,
wie die Erkenntnisse der aufstrebenden Wissenschaften im Bewusstsein der
Allgemeinheit aufgenommen und zu gemeinverständlichen Weltanschauungen
verarbeitet wurden. Insbesondere kann beobachtet werden, dass die „Entzauberung
der Welt“, wie Max Weber diese geistesgeschichtlichen Entwicklungen jener Zeit
charakterisierte, nur mit großen inneren Widerständen und großem Widerwillen zur
Kenntnis genommen wurde. Kurze Hinweise auf diesbezügliche tiefenpsychologische
Einsichten lassen erkennen, dass dahinter die Angst stand, dass mit dem Wegfall
einer göttlichen Autorität eine Sinngebung der Welt wie der Einzelexistenz nicht
mehr möglich sein würde.
Short Description:
There are remarkable similarities between the present situation with the
European Union and the later decades of the Austrian-Hungarian monarchy.
Just like in the old "Kakania", to speak like Robert Musil, "one can observe how
the old state-machine stuttered several times in a year and ceased to move".
The causes for that then as now are rooted in unresolved constitutional
questions, and the repeatedly questioned legitimacy of the state structures in
the preference of national or state self-interests that contrasted with the
demands of the totality of the state and the reciprocal foreignness and
disinclination of assembled nationalities and people within the state vis-à-vis
each other. This book juxtaposes several evolving state-models of the 19th
century for comparisons in a popular, understandable fashion to show ways in
which, in the opinions of each presenter, the generally perceived political
crisis of the Habsburg monarchy might be overcome. These time-specific
memoranda, political programs or literary state-utopia problem-models as they
are also being discussed in the present. Then as now it is about the
search for a balance of power between the totality of the state and the
member-states in order to measure the limitations of a representative democracy,
to further the multilingual nature of the citizens, to minimize the gap between
rich and poor that is caused by unbridled capitalist economies, to adapt the
aims of the educational system in a quickly changing society, about the
possibilities or impossibilities of a multicultural society and, last not least,
also the weight and position of religion in the state. Numerous illustrations
demonstrate the treated connections. Mainly, the detailed account of
popular scientific and political propaganda pamphlets allows a good insight into
how the knowledge base of the rising sciences has been received in the
conscience of the general public and has been processed into generally
understandable world-views. Particularly, it can be observed that the
"demystification of the world", as Max Weber characterized the development of
the history of human thought of those times, was only being recognized with
great inner resistance and great loathing. Short hints of relevant
depth-psychological insights reveal the fear that, with the removal of a godly
authority, the inner meaning of the world as well as individual existence would
no longer be possible.
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